Das Graserzimmer

nullDas Graserzimmer bildet das Kernstück unseres Schulmuseums. Mit Hilfe von großformatigen Farbdrucken, in denen originale Bild- und Textquellen, grafische Darstellungen und erläuternde Texte zu einer ansprechenden Gesamtaussage verarbeitet sind, wird versucht, das pädagogische Wirken und auch die persönlichen Lebensumstände dieses bedeutsamen Schulreformers des Obermainkreises erfahrbar zu machen. Zwei Hausmodelle - Rekonstruktionen auf der Grundlage von Grasers Planentwürfen - vermitteln einen konkreten Eindruck von Lebenskreis und Wirkungsweise eines Lehrers jener Zeit.

Eine Sonderausstellung informiert außerdem über die Geschichte des Graserdenkmals, das zwischen Graserschule und Rathaus einen nunmehr würdigen Standort gefunden hat.


Grasers Lebenslauf     


Zum Verständnis für Grasers Werdegang und Lebensleistung dürfte beitragen, was sich hinter den Notizen "Hausdiener bei Familie Molitor in Bamberg" und "Gymnasium Bamberg" verbirgt.

Nach seiner Schulzeit in Eltmann war der junge Graser bei seinem Verwandten Johann Adam Molitor als Hausdiener (Famulus) in Diensten. Graser musste dort, selbst im Winter, unter der Bodenstiege schlafen und sich mit sparsamer Kost begnügen. Er hatte sich im Hause nützlich zu machen und insbesondere die beiden Söhne des Hofkammerrates zu bedienen.

Nach dem Schulvormittag im Gymnasium wurden die höheren Söhne von einem Privatlehrer unterrichtet. Der Famulus saß unterdessen auf der Ofenbank, um jederzeit zu Diensten sein zu können. Nun fügte es sich, dass der Hauslehrer seine Zöglinge einer Prüfung unterzog, die höchst unbefriedigend ausfiel. Da trat der junge Graser aus dem Hintergrund hervor und bat darum, die gestellten Fragen beantworten zu dürfen. Zur großen Verwunderung aller konnte Graser mit den treffendsten Antworten glänzen. In diesem Moment war das überragende Talent des jungen Johann Baptist entdeckt. Es wird als Verdienst insbesondere von Frau Molitor gerühmt, dass sie sich nunmehr für die schulische Weiterbildung des jungen Graser einsetzte.

Nach kurzen Startschwierigkeiten im Gymnasium begann für den Sohn eines Gastwirtes und Metzgers aus Eltmann eine glänzende akademische Laufbahn. Bei der Gewinnung seiner späteren pädagogischen Positionen dürften Grasers vielseitige Lebenserfahrungen gewiss einen nicht zu unterschätzenden Einfluss ausgeübt haben.  


Wandel in der Schullandschaft des Obermainkreises unter Grasers Leitung


Unter Grasers Leitung wurden von 1810 bis 1825 etwa 150 Schulen, zumeist im ländlichen Raum, neu errichtet. Graser hatte erkannt, dass dem Landschulwesen seine besondere Hilfe gelten musste, da sich dort die Schulen in dem traurigsten Zustand befanden und die Not der Lehrer schreiend war.
Man darf sich eine Schulneugründung zu damaliger Zeit nicht als administrativen Akt vorstellen, der vom Schreibtisch aus erledigt wurde. Vielmehr war Graser auf unzähligen Schulreisen, die ihn in entlegendste Dörfer führten, vor Ort selbst aktiv, um bei Gemeindevorstehern und -ausschüssen Überzeugungsarbeit zu leisten. Graser scheute nicht davor zurück, seine Reise auf dem Pferderücken zurückzulegen, wenn anders sein Ziel nicht erreichbar erschien.

Modell der Graserschule
Modell eines Graserschulhäusleins


Ein gutes Schulhaus mit gut eingerichtetem Schulraum und eigener Lehrerwohnung sah Graser als Grundbedingung für eine dringend notwendige Schulreform im Obermainkreis.

Die Fotos auf der Unterseite wurden vom ehemaligen Graserschulhaus in Prebitz (bei Creußen) aufgenommen. Das Hausmodell und die Bilddarstellung wurden als Gemeinschaftsprojekt der Fachlehrerausbildungsstätte Bayreuth angefertigt.

Projektleiter: Dr. Siegfried Kappel, Thomas Hellmut, Wolfgang Gräf


Grasers Lehr- und Unterrichtskonzept


Die unterrichtliche Behandlung der Lebenskreise erfolgte nach dem Prinzip "Vom Nahen zum Entfernten". Die Schulkinder im ersten Schuljahr gewannen ihre grundlegenden Lebenserfahrungen bei der Behandlung des Lebenskreises "Familie", für die 6. Jahrgangsstufe war das Leben im Staate (Königreich Bayern) vorgesehen. Als Ziel des Unterrichts nannte Graser, den Menschen auf das Leben im Staate vorzubereiten.

"Der Staat schließt in sich  mehrere Untergemeinschaften, deren jede ihn selbst repräsentiert, und auch die Bedingung seines Seyns ist." (Die Elementarschule für das Leben (Bd. I S. 113) Kennzeichnend für den Weitblick dieses großen Pädagogen ist, dass er über den Kreis des Staates hinausdachte und plante. Er nannte als sechste Einheit die Vereinigung der Staaten oder des Staatenbundes. Als siebten und größten Lebenskreis bezeichnete Graser die Gemeinschaft aller Menschen der Erde. "Die folgende Gemeinschaft lässt sich nun nicht anders mehr denken, als durch die Einheit der Erde als Menschheit. Diese Gemeinschaft hat ihre Basis im Prinzip der Liebe, und ist durch den Genius der Menschheit, der sich in Christus persönlich darstellte, repräsentiert." (a.a.O. S. 115)
Bei allen Unterkapiteln der verschiedenen Lebenskreise sind Teilaspekte der Ideal-Lehrgegensstände und Real-Lehrgegenstände zur unterrichtlichen Behandlung vorgesehen.
Als Leitgedanken für Erziehung und Unterricht dienten Graser die vier "Formen des göttlichen Seins" Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Schönheit.Grasers Konzept der Elementargymnastik" als Kernstück seines Buches "Die Elementarschule für's Leben in der Grundlage zur Reform des Unterrichts"

Grasers Konzept der "Elementargymnastik" bringt wohl am besten das Wesen der Graserschen Pädagogik zum Ausdruck. Sie darf zu Recht als eine "Pädagogik vom Kinde aus" bezeichnet werden. Statt das Kind mit ermüdenden Schreibübungen zu quälen und statt des stumpfsinnigen Einpaukens kindferner Texte (meist religiöser Natur) wollte Graser ein Lernen mit allen Sinnen ermöglichen. Im Mittelpunkt des im wahrsten Sinne des Wortes "grundlegenden Unterrichts" im ersten Schuljahr stand der Lebens- und Erfahrungsraum der Familie. Als konkrete Erinnerungsstütze für Erlebnisse und vorschulische Erfahrungen, als Objekt der unterrichtlichen Betrachtung und Ausgangspunkt vielfältiger kindlicher Betätigungen sollte das Modell eines Wohnhauses dienen.

Hausmodell
Hausmodell als Lehr- und Unterrichtsmittel nachgebaut nach Originalplänen von J.B. Graser

Der Lehrer versuchte durch lebensvolle Erzählungen das Augenmerk des Kindes auf die gewünschten Aspekte zu lenken. Sehr früh gab das Haus Anlass zur zeichnerischen Nachbildung auf der Schiefertafel. In zunächst spielerischen und zugleich zielgerichteten Betätigungsformen wurden Formbetrachtungen vorgenommen, der Sinn für Ästhetik geschult, das Verständnis für kindnahe Lebenszusammenhänge entwickelt. Die Zahl der Ecken und Linien an einem Haus, die Zahl der Fenster und Fensterflächen, all dies war der Stoff für erste Übungen im Zählen und Rechnen, die sich erstaunlich rasch im Zahlenraum bis hundert bewegten.
Graser legte Wert darauf, dass das Dach des Hauses abnehmbar war, um so den Blick für die Bewohner des Hauses (Menschen und Tiere) freizugeben. Herausziehbare Wände sollten es dem Kinde ermöglichen, konkrete Operationen (Wändebau) auszuführen, um daran vertiefende Betrachtungen anzuknüpfen.
Jeder der vier "Kurse" der Elementargymnastik stellte für sich Sinneinheiten dar, in welchen die vier "Formen des göttlichen Seins" - Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Schönheit - eine tragende Rolle spielten und zu einem lebensdienlichen Ganzen verknüpft wurden.

1Es ist aus Zeit- und Platzgründen nicht möglich, den gesamten Kosmos der Graserschen Pädagogik hier darzustellen. Graser wurde zum Begründer des heimatkundlichen Gesamtunterrichts. Bahnbrechend wirkte das Konzept der Schreib-Lese-Methode. Graser entwickelte die Idee des Spiralcurriculums; das Prinzip der Erziehung in der Gemeinschaft durch die Gemeinschaft; das Konzept der staatsbürgerlichen Erziehung; Graser forderte die Individualisierung des Unterrichts...
Im erzieherischen Konzept Grasers ist wohl alles schon angedacht, was viele Jahrzehnte später in der Reformpädagogik einen hohen Stellenwert erlangte!
All dies spiegelt sein tiefes Verständnis für die Bedürfnisse des Kindes wieder und beeindruckt durch Ideenreichtum und pädagogische Kreativität.
Johann Baptist Graser als moderner Pädagoge und als religiöser Erzieher.  


Was kann uns der Pädagoge Johann Baptist Graser heute noch bedeuten?


Die Graserschule orientiert sich bei der Gestaltung ihres Schullebens an einem erzieherischen Grundgedankens Grasers. Es war uns ein Anliegen, unsere Schulkinder so weit wie möglich an der Ausgestaltung eines "Graserzimmers" in unserer Schule zu beteiligen. So entstand der Plan, den Kindern Grasers vier "Leitgedanken wahrer Menschlichkeit" - Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Schönheit - nahe zu bringen. In einer weitgehend naiven Interpretation wurde die Besinnung darauf gelenkt, was diese Grundprinzipien im Leben jedes Einzelnen für praktische Bedeutung haben könnten. Die Kinder wurden nun dazu eingeladen, ihre Überlegungen in bildlicher Form darzustellen. Die verschiedenen Bildbeiträge sollten schließlich (d.h. eine Auswahl derselben) zu einer Gesamtaussage vereinigt werden: die Blumen der Menschlichkeit. An diesem projektartigen Vorhaben beteiligten sich die Klassen aller Jahrgangsstufen mit großer innerer Anteilnahme! Es zeigte sich, dass die Kinder für Grasers Ideen durchaus ansprechbar waren, dass ihre Umsetzung ins tägliche Leben gelang. Und unserer Kunsterzieherin, Frau Ingrid Opel, gelang es, die Schülerbeiträge zu einer künstlerisch ansprechenden Allegorie zusammenzufassen: die vier "Formen des göttlichen Seins" nach Johann Baptist Graser.
Zu wünschen wäre es, dass dieses Bild nicht nur im ästhetischen Sinne anspricht, sondern dass auch die ethische Aussage erkannt und angenommen wird. Im Grunde könnte man sagen, es handelt sich um die Darstellung eines positiven Menschenbildes, von dem Graser sich leiten lässt. Sich daran zu orientieren und damit am göttlichen Sein teilzuhaben, dies entsprach nach Grasers zutiefst christlicher Überzeugung der wahren Bestimmung des Menschen. Möge diese Allegorie zur Begegnung und Auseinandersetzung mit einem positiven Menschenbild beitragen!
    
Die oben angeführte Aufforderung Grasers an die Lehrer hat uns spontan so sehr fasziniert, dass wir sie zum Wahlspruch für das gemeinsame Schulleben in der Graserschule erhoben. Unsere mühsam durchgeführten Recherchen in Grasers Literatur ergaben freilich, dass das genannte Zitat nur als Fußnote einer längeren Abhandlung im Schulmerkur von 1806 erscheint, dort allerdings an einem hervorgehobenen didaktischen Ort. Graser befasst sich darin ausführlich mit einer Entwicklung des Gottesbegriffes beim Kinde. Er vertritt die Auffassung, dass die kindliche Vorstellung von Gott auf der Erfahrung des liebenden Vaters beruhen müsse - und des in gleicher Weise agierenden Lehrers, der im Erziehungsgeschehen der Primarschule die Rolle des Vaters zu übernehmen habe. Graser wollte damit der von ihm als wesentlich eingestuften Gefahr vorbeugen, dass das Kind Gott als strengen Herrscher begreift, der die Welt durch strenge Gebote regiert.
Auch wenn man hinter der Idee der systematischen Entwicklung des Gottesbegriffes manche Fragezeichen setzen mag, so wird Graser durch moderne entwicklungspsychologische Erkenntnisse doch glänzend bestätigt. Graser hatte intuitiv richtig durchschaut, dass das Kleinkind aus einem gewissen Egoismus heraus durch sein Verhalten die Anerkennung von Bezugspersonen zu erlangen sucht. Mit dem Streben nach Zuwendung und Anerkennung erfolgen die Übernahme und Verinnerlichung der vorgelebten Maßstäbe und Verhaltensweisen dieser Personen (vgl. Kohlberg, Stufen der Moralentwicklung des Kindes).
In der Graserschule lösen wir Grasers Erziehungsprinzip bewusst von seinem ursprünglich zugedachten didaktischen Ort und erwählen es zum Erziehungsprinzip schlechthin.

Wir versuchen im Sinne Grasers erlebnisbezogene Werterziehung in der Schulgemeinschaft und durch die Schulgemeinschaft. Uns ist es wichtig, den Kindern Gelegenheit zu schaffen, einander Dienste zu tun. So erlangen die oben erwähnten Gemeinschaftsdienste einen herausgehobenen Stellenwert. Ebenso wichtig ist es jedoch, dass das Kind dabei Bestätigung und Anerkennung findet. Dies ist die Aufgabe aller Lehrkräfte und auch aller Mitschüler und Eltern. Bei besonderen Gemeinschaftsveranstaltungen erhalten die besonders einsatzfreudigen Kinder Dank und Beifall durch die Schulgemeinschaft und von der Schulleitung eine Urkunde.
Angesichts des zweifellos drohenden Werteverfalls, der für unsere Kinder mancherlei sittliche Gefährdungen heraufbeschwört, werden sich Schulen zunehmend darauf besinnen müssen, wie sie ein erzieherisch wirksames Eigenleben gestalten können.

An Grasers realitätsnaher Grunderkenntnis dürfte ein erfolgversprechender Weg wohl kaum vorbeiführen.
Wir dürfen Ermutigung daraus schöpfen, dass dieser großartige Pädagoge in unserem heimatlichen mainfränkischen Raum gelebt und gewirkt hat.     


Dank für verdienstvolle Mitarbeit
An der inhaltlichen Ausgestaltung des Graserzimmers wirkten zwei Professoren der Universität Bayreuth maßgeblich mit: Herr Prof. Dr. Dr. Robert Ebner und Herr Prof. Dr. Hans Jürgen Apel. Für ihre fachkundigen Beiträge und ihre sehr hilfreiche Zusammenarbeit mit der Schulleitung der Graserschule sei an dieser Stelle herzlich Dank gesagt.



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